Bei hochsommerlichen Temperaturen fand Mitte Juni in Wien die Jahrestagung der Gütezeichengemeinschaft für Wäscherei und Textilreinigung Österreichs statt. Rund 40 Teilnehmende diskutierten zwei Tage lang über Pflegekennzeichnung, Künstliche Intelligenz, Hygiene und Textilrecycling – ergänzt durch ein Abendprogramm mit historischem Stoff und viel Raum für persönlichen Austausch.
Tag 1: Was auf dem Einnähetikett steht – und was nicht
Nach der Begrüßung durch Erich Hering in Vertretung für Obfrau Gabriela Steiner eröffnete Bekleidungsingenieurin und Sachverständige Birgit Jussen das Vortragsprogramm mit dem Thema „Materialangabe vs. Pflegekennzeichnung“. Ihre Kernbotschaft: Die Materialangabe ist keine Volldeklaration. Textilkomponenten unter 30 % des Gesamtgewichts sowie rein dekorative Fasern unter 7 % müssen laut EU-Textilkennzeichnungsverordnung gar nicht ausgewiesen werden – ebenso wenig Beschichtungen. Genau diese unsichtbaren Bestandteile beeinflussen das Pflegeverhalten aber oft maßgeblich. Für professionelle Textilreiniger heißt das: Die Pflegeempfehlung des Herstellers muss sich auf das Gesamterzeugnis beziehen und ist unbedingt zu beachten. Jussen erinnerte außerdem an die seit April 2024 geänderten Pflegesymbole – darunter ein neues Symbol für schonende Handwäsche und eines für Bügeln ohne Dampf.
Tag 2: KI, Hygiene und recycelte Fasern
Der zweite Tag stand im Zeichen aktueller Entwicklungen. Johann Kandelsdorfer (CFO, Salesianer Miettex) zeigte, wo KI in Dienstleistungsunternehmen konkret ansetzt: automatisierte Rechnungsverarbeitung, Chatbots im Kundenservice, 24/7-Verfügbarkeit. Sein Appell an die Betriebe: aufklären statt ängstigen, klare KI-Strukturen und Schulungen schaffen – und im Umgang mit unternehmenssensiblen Daten wissen, was man wo eingibt. Die Qualität des Ergebnisses hänge unmittelbar am Prompt; die Validierung bleibe Aufgabe des Menschen.
Dr. Arno Sorger (Prüf- und Inspektionsstelle für Wasser, Hygiene und Umweltanalytik, Bischofshofen) machte deutlich, dass Hygiene der Vorbeugung von Krankheiten dient – betrachtet wird die Gefährdung, nicht die Gefahr. Er verwies auf die Hygiene-Leitlinie der ÖGHMP, das Gütezeichen RAL-GZ 992 und die EN 14065. Über die Textilhygiene hinaus sei auch die Humanhygiene der Mitarbeitenden zentral, allen voran die sechsschrittige Händehygiene – Vorschriften allein reichen nicht, es braucht Schulungen, Checklisten und Konsequenz.
Den fachlichen Abschluss bildete erneut Birgit Jussen mit „Recycelte Faserstoffe und ihre Eigenschaften“. Komplexe Materialmischungen, Zubehör, Ausrüstungen und Beschichtungen erschweren das Faser-zu-Faser-Recycling ebenso wie unzureichende Sortier- und Rücknahmesysteme. Vorgestellt wurden die drei Hauptverfahren – mechanisches Recycling (Reißverfahren), chemisches Recycling (Lösungsmittelverfahren) und die Depolymerisation als thermochemisches Verfahren. Weil recycelte Fasern gegenüber Primärfasern an Länge und Festigkeit einbüßen, wird ihnen zur Qualitätsverbesserung meist ein Anteil Neufasern beigemischt.
Generalversammlung und Ausblick
Den Abschluss bildete die Generalversammlung der Gütezeichengemeinschaft. Im Fokus standen die Erweiterung der Angebote, Möglichkeiten zur Weiterbildung und gemeinsames Wachstum. Die Jahrestagung 2026 hat einmal mehr gezeigt: Die Gemeinschaft versteht sich als Plattform für Kommunikation und Fragen der Branche – und schafft den Rahmen, um Wissen zu bündeln und gemeinsam zukunftsfähige Strategien zu entwickeln.
Der vollständige Bericht von Birgit Jussen ist in der Ausgabe 9 | 2026 von R+W Textilservice / Der Textilreiniger erschienen: Artikel als PDF herunterladen